Künstlergruppe Nebelhorn

Kurzdarstellung der Aktivität

Die Künstlergruppe Nebelhorn ist eine künstlerische Werkstatt, in der Menschen mit und ohne Behinderung kreativ mit unterschiedlichen gestalterischen Mitteln zusammenarbeiten. Ihr künstlerisches Schaffen präsentiert die Gruppe regelmäßig in Ausstellungen der eigenen Galerie oder im Rahmen von externen (Wander)ausstellungen und Veranstaltungen.

Lebensbereich

  • Kultur
  • Freizeit
  • Bildung
  • Interaktion und Kommunikation

Gebietskörperschaft

Gemeinde (46514 Schermbeck)

Einwohnerzahl

ca. 13.000

Zuordnung zu Dimensionen

  • Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung für die Idee der Inklusion
  • inklusive Gestaltung von Bildungseinrichtungen und anderen Diensten des öffentlichen Lebens (Mainstreaming)

Ausschlaggebender Impuls

Im Jahr 1995 suchten Schülergruppen aus verschiedenen Volkshochschulen Räumlichkeiten, die sie für eine geplante und durch einen Künstler begleitete Werkstatt, zum kreativen Gestalten nutzen konnten. Eine Wohnstätte für Menschen mit Behinderung bot leerstehende Kellerräume an, unter der Bedingung, die Bewohner der Einrichtung in die Arbeiten mit einzubeziehen. Aus diesem zufälligen Aufeinandertreffen entwickelte sich die inklusive Künstlergruppe Nebelhorn.

Ziele des Projekts

Ziel ist es, eine kreative Begegnungsstätte zu sein in der Menschen mit und ohne Behinderung zusammen arbeiten und künstlerisch tätig sein können. Durch die gemeinsame Arbeit sollen Berührungsängste abgebaut werden. Zudem inspirieren sich die Künstler/innen gegenseitig bei ihrer Arbeit.

Die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung, das gemeinsame künstlerische Tun und die Lernprozesse in der Gruppe tragen zur Bewusstseinsbildung im Sinne des Artikels 8 der UN-BRK bei.  Ausstellungen tragen zudem zu einem positiven Bild von Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit bei, u.a. indem sie diese für deren Fähigkeiten sensibilisieren. Das Projekt fördert zudem die Teilhabe am kulturellen Leben, indem es ganz unterschiedlichen Menschen ermöglicht, ihr kreatives und künstlerisches Potential zu entfalten (Artikel 30 UN-BRK).

Maßnahmen

Die Künstlergruppe Nebelhorn bietet seinen Mitgliedern ein offenes Atelier für Menschen mit und ohne Behinderung. Allen Beteiligten wird es ermöglicht, sich unter Anleitung eines Künstlers kreativ zu betätigen. Das Atelier ist an vier Tagen pro Woche in den Abendstunden geöffnet. Freitags und samstags arbeitet die Gruppe bis 1.00 Uhr nachts, es wird gegen 23.00 Uhr gemeinsam gegessen.

Das künstlerische Schaffen  wird regelmäßig im Rahmen von Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert. Dabei werden die Werke einerseits in der Gemeinde Schermbeck selber, im eigenen Atelier, der Kirche oder dem Rathaus, präsentiert. Andererseits macht sich die Künstlergruppe darüber hinaus bekannt, indem sie ihre Arbeit im Rahmen verschiedener (Wander)ausstellungen oder auch im Rahmen unterschiedlichster Veranstaltungen (wie Tagungen oder Festivals) zeigt.

In Form von Projektarbeit werden gezielt Menschen in schwierigen Lebenslagen oder Menschen mit Ausgrenzungserfahrungen einbezogen (z.B. Inhaftierte, Menschen mit psychischen Erkrankungen, Förderschüler/innen).

Der Verein bietet im Rahmen des Angebotes „Atelier Tage“ zusätzlich Fortbildungen für Mitarbeiter/innen und Nutzer/innen von Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung an, mit dem Ziel, diese zu befähigen eine Kreativgruppe zu etablieren und zu begleiten.

Das Angebot wurde bisher jedoch von Einrichtungen der Behindertenhilfe nicht wahrgenommen. Einzelne interessierte Personen aus dem Bereich der Sozialen Arbeit, die auf der Suche nach einer privaten bereichernden  Beschäftigung waren, blieben nach der Erfahrung im Atelier als regelmäßige Teilnehmer der Gruppe.

Das eigentliche Ziel des Angebotes „Atelier Tage“, das die Teilnehmer/innen befähigen soll, eigene Projekte zu initiieren, wurde bisher jedoch nicht erreicht.

Beteiligte und Netzwerke

Die Künstlergruppe Nebelhorn wird angeleitet durch einen studierten Künstler.

Der Künstler ist Gründer und Geschäftsführer des Vereins Nebelhorn (vgl. Projektablauf und zeitliche Rahmung). Er trägt die federführende Verantwortung, sowohl für die Entwicklung der Projekte als auch für die Beschaffung der finanziellen Mittel. Er arbeitet als Honorarkraft seit 1995, ohne feste Anstellung.

Die Gruppe steht allen Interessierten offen. Durchschnittlich nehmen etwa 60 Personen im Alter von 9 bis 70 Jahren an den Aktivitäten der Gruppe teil.

Es gab und gibt eine Reihe unterschiedlicher projektbezogener Kooperationen, u.a. mit der Hochschule, der Hauptschule, einer Werkstatt für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, dem Kinderschutzbund, Musikern eines Jazz-Festivals und einer Theatergruppe

Alle Entscheidungen über themenbezogene Projekte sowie Veränderungen in den Strukturen der künstlerischen  Arbeit werden in der Gemeinschaft der Gruppe getroffen.

Die Entscheidungen über dauerhafte Kooperationspartner werden von allen Nutzer/inne/n des Ateliers gemeinsam mit dem künstlerischen Leiter und dem Vorstand des Vereins getroffen.

Die bestehenden Kontakte sind in der Regel durch persönliches Engagement von Menschen ohne Behinderung entstanden, die zuvor eigene kreative Erfahrungen im Atelier gesammelt haben.

Finanzierung und Ausstattung

Die Arbeit der Gruppe wird von Beiträgen der Vereinsmitglieder, Kursgebühren der Teilnehmer, sporadischen projektbezogenen Geldern von Stiftungen und Spenden finanziert.

Für die Kursgebühren der Menschen, die im Betreuten Wohnen leben, ist  in der Regel der LVR zuständig.

Die Kultur- und Sozialstiftung des LVR finanzierte im Jahr 2012 eine Wanderausstellung.

Die Künstlergruppe Nebelhorn trägt lediglich die Nebenkosten vom Atelier. Die kostenfreie Nutzung der Räume ist gesichert durch einen Nutzungsvertrag von 2004, als mit Mitteln der Stiftung für Wohlfahrtspflege NRW neue Atelierräume mit einer Gesamtfläche von 240 Quadratmetern umgebaut wurden.

Für das ehrenamtliche Engagement bekommt der Verein in der Regel 5.000 Euro im Jahr vom LVR.

Projektablauf und zeitliche Rahmung

Ein Jahr nach Bestehen der – 1995 initiierten und zu dieser Zeit etwa 20-köpfigen Gruppe – gründete sich der Verein Nebelhorn, um die Weiterführung der Aktivitäten sicherzustellen.

Ein weiteres Jahr später bezogen die Künstler/innen neue Räumlichkeiten. Ein personeller Wechsel in der Wohnstätte, deren Räumlichkeiten zuvor genutzt werden konnten, und damit verbundene Veränderungen führten aus Sicht der Gruppe zu erheblichen Einschränkungen in der bisher erlebten Freiheit. Eine konstruktive Zusammenarbeit war aus Sicht der Künstlergruppe nicht weiter gewährleistet.

Die Gruppe bezog zunächst einem historischen Kirchenraum der evangelischen Kirchengemeinde in Schermbeck, welcher aber kurze Zeit später wegen Baufälligkeit geschlossen werden musste. Die Künstlergruppe konnte jedoch Räumlichkeiten einer Einrichtung für wohnungslose Menschen nutzen und bezog letztere ab diesem Zeitpunkt ebenfalls in die künstlerische Arbeit mit ein. Die Räumlichkeiten wurden einige Jahre danach zusätzlich erweitert und neu gestaltet.

Die Arbeit der Kreativgruppe entwickelte sich kontinuierlich weiter, indem es zu immer neuen Projekten und Kooperationen kam.

Die Öffentlichkeit ist durch die vielfältigen Kooperationen – die auch verschiedenste Einrichtungen im Gemeinwesen, wie Schulen betreffen –, die Durchführung von Ausstellungen und Fortbildungen, bzw. die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen entsprechend eingebunden.

Inklusive Ausrichtung des Projektes und Gemeinwesenbezug

Die Künstlergruppe Nebelhorn ist im Sinne einer kreativen Begegnungsstätte inklusiv ausgerichtet. Das Projekt wurde in dieser Hinsicht in seiner Entwicklung zunehmend offener. Was mit einer Zusammenarbeit zwischen Schülern der Volkshochschule und Bewohnern einer Wohnstätte für Menschen mit Behinderung begann, entwickelte sich immer mehr zu einem Projekt, bei dem teilweise sehr gezielt Menschen mit unterschiedlichen sozialen Merkmalen und Menschen, deren kulturelle Teilhabe häufig eingeschränkt ist, einbezogen wurden. Die heterogene Zusammensetzung der Gruppe, die Förderung der Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung und die damit verbundene Interaktion tragen dazu bei, dass die Teilnehmer/innen ihre künstlerische Arbeit als wichtige kulturelle Angelegenheit ansehen. Das Atelier befindet sich in den Räumlichkeiten eines Trägers der freien Wohlfahrtspflege (im Bereich der Wohnungslosenhilfe).

Dies ermöglicht den Bewohner/inne/n der Einrichtung an der Atelierarbeit teilzunehmen und bewirkt die Öffnung der Einrichtung nach außen.

Die Künstlergruppe knüpft vielfach an bestehenden Strukturen im Gemeinwesen an, indem beispielsweise Ausstellungen an verschiedenen Orten in der Kommune präsentiert werden oder Kooperationen mit öffentlichen Einrichtungen (wie Schulen) stattfinden.

Projektaktivitäten finden neben der Arbeit im Atelier auch an anderen Orten im Gemeinwesen statt, wie beispielsweise in Werkstätten oder Schulen.

In allen öffentlichen Ausstellungen werden die Teilnehmer/innen in den Austausch mit dem Publikum einbezogen.

Empowerment-Prozesse werden auf zwei Ebenen ermöglicht.

Die erste Ebene bezieht sich auf die Stärkung der Persönlichkeit anhand der Verarbeitung der eigenen autobiographischen Erfahrungen in Bildern. Dieses kann nur in einem sogenannten  freien Raum passieren. Basis ist das Schaffen einer sehr soliden Vertrauensebene zwischen allen anwesenden Teilnehmer/inne/n. Die Veröffentlichung dieser Prozesse in Form einer Ausstellung oder Publikation trägt auf einer zweiten Ebene zudem erheblich zur Verstärkung des Selbstbewusstseins bei.

Seitens der künstlerischen Leitung wird in keiner Weise über Form oder Inhalt des Werkes Einfluss genommen. Die Aufgabe besteht lediglich darin, eine persönliche individuelle künstlerische Qualität zu erzielen.

Die direkte künstlerische Ausdrucksmöglichkeit bei der Verarbeitung teilweise schwerwiegender Problematiken der Betroffenen bewirkt häufig  leidenschaftlichen Diskussionen in der Öffentlichkeit.

Beim Projekt entscheidet jede/r Teilnehmer/in über Thema, Material oder Art der Gestaltung einer Idee. Vorschläge über mögliche technische Umsetzung der Ideen werden erst bei ausdrücklichem Verlangen des Teilnehmers  ausgesprochen.

Die Werkstatt ist offen, eine Voranmeldung für das Nutzen des Ateliers ist nicht erforderlich. Das Dabeisein ist nicht unbedingt mit dauerhafter künstlerischer Arbeit verbunden.

Nachhaltigkeit

Durch die Gründung des Vereins wurde das dauerhafte Bestehen der Künstlergruppe gesichert. In Form vielfältiger Projekte und öffentlichen Aktionen kann die Gruppe bewusstseinsbildend auf eine breite Öffentlichkeit wirken.

Gesamteinschätzung

Die Künstlergruppe Nebelhorn leistet einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der UN-BRK, indem sie allgemeine kulturelle Angebote gezielt für Menschen mit Behinderung öffnet und in einem breiten Rahmen bewusstseinsbildend wirkt. Es handelt sich um eine – in Bezug auf die sozialen Merkmale der Teilnehmenden – sehr heterogene Gruppe, in der gezielt Menschen, deren Teilhabe im kulturellen Bereich häufig eingeschränkt ist, mit einbezogen werden.

Die Arbeit des Projektes knüpft unmittelbar an Strukturen im Gemeinwesen an, u.a. durch öffentlichkeitswirksame Aktionen und die Bildung von Kooperationen und Netzwerken auf regionaler Ebene.

Dem Leitbild eines inklusiven Gemeinwesens folgend, wäre zudem eine Nutzung von öffentlichen Räumlichkeiten (bisher werden Räumlichkeiten eines Trägers der freien Wohlfahrtspflege genutzt) als Atelier und Werkstatt zur Überwindung segregierender Strukturen als sinnvoll anzusehen. Gleiches gilt für das Fortbildungsangebot der Künstlergruppe, welches sich bisher an Mitarbeiter und Bewohner von Wohnstätten für Menschen mit Behinderung richtet. Eine diesbezügliche Öffnung des Angebotes wäre im Sinne der Entwicklung eines inklusiven Gemeinwesens ebenfalls als sinnvoll zu erachten.

Einschätzung der Projektverantwortlichen

Die im Atelier entstandenen Freundschaften und deren Auswirkung auf das Leben, der in Wohnstätten lebenden Teilnehmer/innen, führen aus Sicht der Künstlergruppe immer wieder zu Konflikten zwischen dem Verein Nebelhorn und den entsprechenden Einrichtungen. So wird beispielsweise die selbstverständliche zwischenmenschliche Hilfe des Freundeskreises Nebelhorn, die dazu dient, die Teilnehmer/innen mit Behinderung zu unterstützen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, als negative Einmischung in der Sozialarbeit der Einrichtungen angesehen.

Einige wohnungslose Teilnehmer/innen der Gruppe konnten befähigt werden, wieder in einer eigenen Wohnung zu leben mit begleitender ambulanter Betreuung. Zudem entschieden sich einige Menschen mit Behinderung aus Wohnstätten für einen Umzug in die eigene Wohnung. Sie werden in ein entsprechendes Netzwerk der Gruppe Nebelhorn eingebunden, welches dazu beiträgt, der Vereinsamung in den eigenen vier Wänden zu vorzubeugen.

allgemeine Informationen und Materialien

www.nebelhorn.org

Köpfe – ein künstlerisches Projekt mit Behinderten und Nichtbehinderten

Publikation zur gleichnamigen Ausstellung im Städt. Museum Wesel 2002,  ISBN: 3-934380-68-6

Gruppe Nebelhorn 1995-2005 Eine Chronologie, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Städt. Museum Wesel, 2000  ISBN: 3-924380-77-5

Ansprechpartner/in

Raúl Avellaneda

Galerie Nebelhorn

Marienthaler Str. 10

46514 Schermbeck

Tel.: 02856-980942

E-Mail: raulave@hotmail.com

 

Bildrechte

Die zur Illustration verwendeten Bilder wurden uns von den jeweiligen Projektverantwortlichen zur Verfügung gestellt. Dem Projektpartner bleiben alle Urheberrechte vorbehalten.